Traumstrand und Meer

Was für ein Strand! Er ist so breit, dass man das Meer bisweilen gar nicht sieht. Lediglich die in der Ferne aufgestellten Strandkörbe verraten, wo das Wasser an Land schwappt, bis dahin erstreckt sich ein beinahe endloses Meer aus Sand. Kniepsand heißt es, es schmiegt sich im Westen auf der ganzen Länge an die Insel. Selbst im Sommer, wenn die meisten Gäste zu Besuch sind, entsteht hier kein Gedränge, auf diesem Strand verliert sich sogar der Hochbetrieb. Obwohl Amrum keineswegs groß ist – von Wittdün im Süden bis zur „Odde“ ganz im Norden sind es gerade mal zehn Kilometer – bietet es eine erstaunliche landschaftliche Vielfalt. Aus dem Kniepsand und den östlich anschließenden Dünen besteht ungefähr die Hälfte der Inselfläche. Daran grenzt die Geest mit ihrem gewölbten Rücken, sie bildet gewissermaßen den festländischen Kern der Insel, den die mächtigen skandinavischen Gletscher in der letzten Eiszeit vor etwa 100 000 Jahren nach Nordfriesland geschoben haben. Stellenweise ist die Geest sogar bewaldet, ein willkommener Schutz gegen die unablässig über das Meer heranbrausenden Winde.

Zwischen den Dünen und dem Meer erstreckt sich der breite Kniepsand, ein einzigartig schöner Strand. Amrum hat eine vergleichsweise junge Form, erst zwei große Sturmfluten (1362 und 1634) formten die heutige Inselwelt. Zuvor war Amrum Teil der wesentlich größeren Uthlande gewesen, ein festländisches, von zahlreichen Prielen durchzogenes Gebiet vor der Küste.

Der große Leuchtturm steht zwischen Wittdün und Süddorf, er ist insgesamt circa 66 Meter hoch und leuchtet mehr als 40 Kilometer weit. Er trat 1875 seinen Dienst an, als die Preußen auf der Insel das Sagen hatten. Zuvor war Amrum jahrhundertelang dänisch gewesen, wiederum davor hatten Wikinger und Friesen die Insel bewohnt. Die ersten Menschen bevölkerten das sumpfige Inselreich vor mehr als
7.000 Jahren.

Strandkörbe sind nicht nur gemütlich, sondern bieten auch Schutz vor dem stürmischen Wind. Weswegen sie dem Meer manchmal den Rücken zuwenden.

Strand, Dünen, Geest, Wald und Marsch

Im Osten, wo die Strände ins Wattenmeer münden, breiten sich schließlich fruchtbare Marschen aus, wie die einst nach und nach vom Meer herangetragenen Felder genannt werden. Glaubt man Georg Quedens, dem bekanntesten Inselbewohner, ist seine Heimat kerngesund: „Wo viele Vögel leben, ist die Landschaft in Ordnung. Und es gibt an der deutschen Küste keinen anderen Ort, wo so viele Seevögel zu finden sind wie auf Amrum.“ Quedens beschäftigt sich seit Jahrzehnten nicht nur mit Vogelkunde, sondern auch mit Heimatgeschichte, Naturschutz und Fotografie. Der 80-Jährige hat bereits Dutzende Bücher geschrieben und hält ebenso unterhaltsame wie interessante Vorträge über die Natur und die Geschichte der Insel.
Weil sie stolz auf ihren kantigen Forscher sind, schicken die einheimischen Hoteliers jeden ihrer Gäste irgendwann zu einem Quedens-Abend. Nicht einmal muss er währenddessen seine geschliffenen Sätze unterbrechen, um das nächste Dia aus der Zigarrenkiste unter dem betagten Projektor zu fischen und es in das Gerät zu schieben, nicht ein Bild steht auf dem Kopf. Den Amrumern liegt der Erhalt ihrer Heimat am Herzen: „Dü min tüs, min öömrang lun/leewen mei din aard bestun“, rezitieren sie auf Nordfriesisch, das außer bei Namen keine Großschreibung kennt, die rund hundert Jahre alte Inselhymne: „Du mein Zuhause, mein Amrumer Land, immer mögest du bestehen.“ Sie wünschen sich das aus gutem Grund, denn die Insel – Öömrang heißt sie in der Landessprache – verändert sich ständig. Ihre Lage 25 Kilometer vor der Küste setzt sie dem mächtigen Einfluss von Wind und Wetter aus. Den Wanderungen der großen Dünen, die vor rund 700 Jahren im Mittelalter entstanden sind, haben die Einheimischen durch das Pflanzen von Strandhafer Grenzen gesetzt.

Georg Quedens widmet sich seit Jahrzehnten nicht nur der Inselgeschichte, sondern auch dem Naturschutz. Seine Vorträge zählen zum Unterhaltsamsten, was das Amrumer Abendprogramm zu bieten hat

Die Festtags-Tracht der einheimischen Frauen und Mädchen ziert vor der Brust die Panzerkette mit den Silberknöpfen sowie Kreuz, Herz und Anker. Die drei Anhänger symbolisieren Glaube, Liebe und Hoffnung.

Tradition

Doch dem Kniepsand, der erst Mitte des letzten Jahrhunderts vollständig „andockte“ und vor 300 Jahren noch weit vor Amrum mitten im Meer lag, können sie nur dabei zusehen, wie er seinen Weg an der Geest entlang nach Norden fortsetzt.
Umso verwurzelter sind Brauchtum und Tradition. Im „Öömrang Hüs“ in Nebel hat der Heimatverein das Zuhause einer Seefahrerfamilie im 18. Jahrhundert originalgetreu eingerichtet. Und wenn zwischen Ostern und Oktober Eike Paulsen mit ihren Kolleginnen auf Festen und Heimatabenden auftritt, wird Tradition sogar lebendig: „Sonderburger Doppelachter“, „Maike“, „Holsteiner Dreitour“ oder „Schneewalzer“ heißen die teilweise 200 Jahre alten Tänze, die sie mit ihrer Gruppe des Amrumer Trachtenvereins aufführt. In der Haube einiger Tänzerinnen leuchtet ein rotes Tuch, das sogenannte „Warndreieck“, das am Tag der Hochzeit eingearbeitet wird. Sie alle trugen das Festtagskleid zum ersten Mal auf ihrer Konfirmation, es anzuziehen dauert über eine Stunde: „Zum Beispiel das Schultertuch wird mit über hundert Nadeln am Kleid befestigt“, erklärt Eike Paulsen. Beim Tanzen sind die Frauen und Mädchen jedoch unter sich, kein Mann klatscht ab – aus historischen Gründen.

Seit jeher deckt Reet das traditionelle Friesenhaus mit dem markanten Quergiebel über dem Eingang. Dort werden auch die schmiedeeisernen Initialen angebracht, die auf den Erbauer oder den gegenwärtigen Besitzer hinweisen. Besonders schön sind die Häuser im Ortskern von Nebel.

Auf hoher See

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein fuhren mehr als zwei Drittel der männlichen Amrumer zur See. Die Insel bot kaum Landwirtschaft und Verdienstmöglichkeiten, umso geschickter stellten sie sich als Walfänger, Matrosen und Handelsschiffs- Kapitäne an. Manche von ihnen wurden reich, im „Öömrang Hüs“ in Nebel erzählt eine Ausstellung gerade von der märchenhaften Karriere des Hark Nickelsen (1706–1770), der als junger Seemann in Gefangenschaft geriet, in Nordafrika als Sklave verkauft wurde, sich dort am Hof eines Fürsten bis zum General hocharbeitete, schließlich freigelassen wurde und als reicher Mann nach Amrum zurückkehrte. Sie bauten sich große Kapitänshäuser, die bis heute als Vorbilder für die typische Inselarchitektur dienen. Doch die Männer waren nur selten zu Hause – nicht wenige kamen auf See auch um –, weswegen ihre Frauen eben meist allein tanzen mussten. Dazu kommt: „Es ist immer schwierig, Männer zum Tanzen zu motivieren“, scherzt Eike Paulsen. Sie muss es wissen, immerhin tanzt sie im Verein schon seit 40 Jahren. Wandern kann man auf Amrum auch – zum Beispiel rund um die Nordspitze der Insel, am großen Naturschutzgebiet der „Odde“. Anderthalb Stunden ist man dabei unterwegs – und genießt währenddessen alles, was die Insel so reizvoll macht: das Wattenmeer im Osten, die großen Dünen, die anbrandende See im Westen, die Rufe der unzähligen Vögel und schließlich den unablässig stürmenden Wind. Er kommt vom Meer und schmeckt nach Salz. Was für eine Insel!

Der Krabbenkutter von Andreas Thaden, er ist der letzte Amrumer Fischer, auf See. Seinen frischen Fang verkauft er vormittags im Hafen von Steenodde – wenn die rote Flagge an seinem Verkaufsstand gehisst ist.

Unsere Empfehlung

Reiseführer Föhr & Amrum

Der Reiseführer beschreibt nicht nur die schönsten Sehenswürdigkeiten auf den Inseln, sondern erläutert ausführlich auch Geschichte, Brauchtum und Natur.

Dieter Katz

Michael Müller Verlag

12,90 €
 

Café

Ausflugstipp: Café "Dörnsk an Köögem"

Das Café „Dörnsk an Köögem“ („Stube und Küche“). Vor der Tür hat man bei leckeren Waffeln das Dorfgeschehen gut im Blick, hinter dem Haus liegt eine gemütliche kleine Terrasse, wo die Gäste in Strandkörben Platz nehmen können. Drinnen befindet sich ein Lädchen mit Hübschem für Haus und Garten.

Museum

"Öömrang Hüs": Museum & Archiv

Die gute Stube im „Öömrang Hüs“ schmückt ein gusseiserner „Bilegger“-Ofen, der von der auf der anderen Seite der Wand liegenden Küche beheizt wurde. Die Delfter Kacheln zeigen das Schiff des ehemaligen Hausbesitzers, er war ein Kapitän im 18. Jahrhundert.

Unser Tipp

Adressen und Infos

Amrum Touristik Meeskwai 1a (Haus des Gastes), 25946 Nebel, Tel. 0 46 82/9 43 00, www.amrum.de

Inselstraße 14 (Fähranleger), 25946 Wittdün, Tel. 0 46 82/9 40 30

Amrumer Windmühle Waasterstigh, 25946 Nebel, Tel. 01 60/6 44 53 52, www.amrumer-windmuehle.com

Dörnsk an Köögem Uasterstigh 19, 25946 Nebel, Tel. 0 46 82/25 03

Naturzentrum Amrum Strunwai 31, 25946 Norddorf, Tel. 0 46 82/16 35, www.naturzentrum-amrum.de

Öömrang Hüs Waaswai 1, 25946 Nebel, www.oeoemrang-hues.de