Anfang Juli bietet sich in unserer Feldlandschaft ein herrliches Bild: Goldgelb wogt das reife Getreide im Wind. Hier und dort haben Sommerstürme auch einige Schneisen geschlagen, aber die meisten Halme ragen aufrecht in die Höhe. Nur ihre Köpfe neigen sich unter der Last der prall gefüllten Ähren nach unten und es duftet nach Körnern und trockenem Stroh zugleich. In warmen Regionen Deutschlands wie der Kölner Bucht sind auch schon einige Felder abgemäht. Bei der früh reifen Wintergerste beginnt die Ernte beispielsweise bereits ab Mitte Juni, bei Sommerweizen, Hafer und Dinkel findet sie deutlich später erst im August statt. Die Erntemengen sind in Deutschland sehr hoch, 40 bis 50 Millionen Tonnen Körner werden Jahr für Jahr eingefahren. Diese würden unseren Bedarf an Getreide für Mehl, Speisestärke oder Malz locker decken – wenn nicht ein immer größerer Teil auch für andere Zwecke verwendet werden würde: vor allem als Futter für die Tiermast, aber auch als nachwachsender Rohstoff für verschiedene Industriezweige (Chemie, Papier) sowie für die Gewinnung von Biogas und Bio-Treibstoff. So musste in der Saison 2011/2012 erstmals nach 25 Jahren mehr Getreide nach Deutschland eingeführt werden, als exportiert werden konnte.

Für unsere Ernährung sind Getreide sehr bedeutsam: Sie enthalten fast alle wichtigen Nährstoffe wie Kohlenhydrate, Eiweiße, Ballast- und Mineralstoffe sowie Vitamine und Spurenelemente. Bevorzugte Kornarten für die von uns so geschätzten Backwaren sind Weizen und Roggen. Gerste wird hingegen in viel geringerem Umfang gemahlen – sie landet stattdessen in großen Mengen in den Mälzereien der Bierbrauer. Flächenmäßig nimmt Getreide hierzulande gut die Hälfte des gesamten Ackerlandes ein. Davon entfällt wiederum etwa die Hälfte auf Weizen, mit großem Abstand gefolgt von Gerste (etwa 25 %), Roggen (knapp 10 %), Mais (7 %) und der Weizen- Roggen-Kreuzung Triticale (6 %). Hafer, der nachweislich schon gegen Ende der Bronzezeit (ca. 800 v.Chr.) in Deutschland angebaut wurde, wächst bei uns heute immerhin noch auf etwa zwei Prozent der Getreidefläche.

Landnutzung in Deutschland

Die Karte zeigt, wie Flächen in Deutschland für die Landwirtschaft genutzt werden:

Andere alte Getreide-Arten wie Dinkel, Emmer oder Einkorn spielen zwar statistisch zurzeit kaum eine Rolle, werden aber zunehmend für den Bio- Landbau interessant. Sie zeigen nämlich auch auf ärmeren Böden einen unkomplizierten, robusten Wuchs und sind weniger empfindlich gegen Schädlinge und Pflanzenkrankheiten als moderne Weizensorten. Zudem lassen sich aus ihnen wertvolle und wohlschmeckende Backwaren herstellen, die sich von der Massenware abheben. Nachteil für die Landwirte und Ursache für den höheren Preis sind nicht nur geringere Erntemengen, sondern auch die wesentlich aufwendigere Verarbeitung: Es handelt sich um sogenannte Spelzgetreide, deren Körner in einer festen Hülle (Spelze) stecken. Aus dieser müssen sie in einem zusätzlichen Arbeitsschritt in Röllmühlen herausgelöst werden. Produkte aus Emmer und Einkorn führen daher bisher noch ein Nischendasein, Dinkel wird hingegen ebenso wie die wärmebedürftige Hirse wieder vermehrt angebaut. Die Karte auf der linken Seite zeigt anschaulich, wo die Schwerpunkte des Getreideanbaus in Deutschland liegen. Die stroh- und ockergelben Flächen stehen für Regionen, in denen Kornfelder vor allem jetzt im Sommer das Landschaftsbild prägen. Auf den hellgrünen Flächen dominiert ebenfalls die Landwirtschaft, hier stehen jedoch andere Nutzungsformen im Vordergrund: Wiesen und Weiden, Wein- und Obstbau sowie Hackfrüchte (Kartoffeln, Rüben, Feldgemüse). Die klassischen „Kornkammern“, also die Gebiete mit den höchsten Getreide-Erträgen (auf der Karte ockergelb), haben sich über Jahrhunderte kaum verändert – denn selbst eine optimale Düngung kann besonders fruchtbare Böden nicht ersetzten.

Getreide-Ernte früher…

Mandl, Triste, Hocke, Puppe oder Stiege sind nur einige der regionalen Begriffe für die locker zusammengestellten Gebilde, mit denen früher die noch nicht gedroschenen Garben auf dem abgemähten Feld getrocknet wurden. Lange Zeit bedeutete die Ernte auch bei uns viel Handarbeit: Sichel, Sense sowie der Dreschflegel waren Anfang des 20. Jahrhunderts noch gang und gäbe. Wohlhabende Landwirte setzten hierfür aber schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts vermehrt separate Mäh- und Dreschmaschinen ein.

… und heute

Mähdrescher bestimmen in Deutschland seit den 1960er-Jahren das Bild. Sie schneiden in einem Arbeitsgang die Getreidehalme ab und lösen die Körner heraus. Das dabei anfallende Stroh wird in langen Streifen, sogenannten Schwaden, auf dem Feld abgelegt. Von Traktoren gezogene Ballenpressen sammeln diese anschließend auf und pressen sie zu Strohballen. Am häufigsten sieht man heute auf den Feldern große Rundballen, die selbst bei locker gepresstem Schnittgut 200 kg wiegen.

Lebensraum Feld

In Kornfeldern leben viele verschiedene Wildtiere, neben unzähligen Insekten, kleinen Nagern und Vögeln auch größere Säuger wie Feldhase und Reh. Speziell den Hasen hat jedoch die Intensivierung der Landwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten schwer zugesetzt: Problematisch sind zum Beispiel immer größere Flächen mit einer einzigen Feldfrucht und der Verlust an Ackersäumen mit Wildkräutern. Junghasen haben zudem große Schwierigkeiten, mit schnellen Veränderung ihres Umfelds klarzukommen – wenn mit modernen Maschinen großflächig geerntet wird, fehlt es ihnen plötzlich an Nahrung und Deckung. Für Rehkitze sind Mähdrescher eine unmittelbare Gefahr. Sie lässt sich jedoch minimieren, wenn sie zuvor mithilfe von Hunden oder Wildscheuchen vertrieben werden oder wenn die Felder von innen nach außen gemäht werden.

Getreide-Arten auf unseren Feldern

Diese Getreide-Arten sind bei uns heimisch:

Weizen: wichtigstes Getreide für Nahrungs- und Futtermittel; anspruchsvoll, benötigt gute Böden; aus dem Mehl des überwiegend angebauten Weichweizens entstehen Brot und feine Backwaren; Verarbeitung zu Stärke, Grieß, Graupen, Grütze, Branntwein, Weizenbier und Keimöl; die Stärke wird für Kosmetika und in der Papier- und Kleisterherstellung verwendet.

Gerste: Ährengras mit meist sehr langen Grannen (borstenartige Ährenspitzen); gedeiht auch auf feuchten und weniger guten Böden; reich an Eiweiß und daher als ertragreiches Tierfutter geschätzt; Gerstenmalz ist wichtiger Bestandteil von Bier (Pils, Export, Helles, Malzbier); zudem wird es zu Flocken, Mehl, Grieß, Graupen und Malzkaffee verarbeitet.

Roggen: anspruchsloses, robustes Getreide auch für arme Böden und kühlere Regionen; unempfindlich gegenüber Krankheiten und Schädlingen; liefert ein wertvolles dunkles Brotmehl mit kräftigem Geschmack; außerdem Verwendung in der Alkoholherstellung (Korn, in geringem Umfang Bier) sowie vermehrt als Energiepflanze (Biogas und -ethanol) und Dämmstoff.

Triticale: Kreuzung aus Roggen und Weizen, die geschmacklich zwischen ihren Eltern-Pflanzen liegt; lässt sich auf fast allen Böden anbauen, bringt auf guten Standorten jedoch geringere Erträge als Weizen; geeignet als proteinreiches Tierfutter und für die Gewinnung von Bio-Kraftstoff; in geringerem Umfang Verwendung als Nahrungsmittel (Backwaren, Brei, Bier).

Hafer: trägt im Gegensatz zu anderen Getreiden stark verzweigte Rispen; stellt keine Ansprüche an den Boden, benötigt aber hohe Niederschlagsmengen; bringt relativ geringe Erträge; reich an Fett, Proteinen, Mineralstoffen und Vitaminen; wertvoll als Tierfutter und für eine gesunde Ernährung (Haferflocken, -milch); Extrakte kommen in der Medizin zum Einsatz.

Emmer: eine der ältesten Kulturpflanzen, auch als Zweikorn bekannt; kleine Ähren mit langen Grannen; eiweiß- und mineralstoffreich; eignet sich für die Herstellung von herzhaften Broten und würzigem Bier; gekochte Körner sind zudem vielseitig in der Küche verwendbar; lange Zeit durch ertragreichere Weizenarten verdrängt, heute wieder für den Bio-Landbau interessant.

Dinkel: naher Verwandter des Weichweizens; im direkten Vergleich etwas weniger anspruchsvoll, aber arbeitsintensiver in der Ernte (festsitzende Spelzen) und weniger ertragreich; wird seit 30 Jahren wieder stärker von Öko- Landwirten angebaut; aus Dinkelmehl entstehen leicht bekömmliche Backwaren und Spätzle, aus den Körnern durch das Dörren Grünkern.

Mais: ursprünglich aus Mexiko stammendes Getreide; wird bei uns seit den 1970er-Jahren verstärkt angebaut; ideal für trocken-heiße Standorte; Kolben sitzen seitlich an den bis zu 2,5 m hohen Halmen; relativ wenig gehaltvoll; aus der gesamten Pflanze gewinnt man Viehfutter (Silomais) und Biogas, aus den Körnern Öl für Nahrungsmittel und andere Produkte (Farbe, Seife).

Getreide und Blumen

Zwischen dem Getreide sind auf ökologisch bewirtschafteten Feldern auch etliche Wildkräuter zu entdecken, deutschlandweit findet man etwa 300 verschiedene Arten. Zu den bekanntesten gehören, wie hier in einem Gerstenfeld auf der Ostsee-Insel Rügen, die blaue Kornblume und roter Klatschmohn. Besonders artenreich sind Ackersäume, die nicht bearbeitet werden und auf denen sich die Wildflora frei entfalten kann.

Kleinteilige Getreide-Landschaften

Kleinteilige Landschaften mit einem Mosaik aus Feldern, Grünland und Wald sind in vielen Regionen Deutschlands anzutreffen (Luftbild: bei Dettelbach in Unterfranken). Zum Teil hat dies mit einem kleinräumigen Wechsel der Standortbedingungen zu tun. Oft liegt die Ursache für die starke Zersplitterung aber in der Real-Erbteilung, die lange Zeit vor allem in Süddeutschland eine Aufteilung der Landfläche eines Hofs unter allen Erben vorsah.