Naturhecken in der Landschaft

Grüne Wiesen und Weiden im Wechsel mit frisch gepflügten dunkelbraunen Ackerflächen, durchzogen von weißen Bändern – die Schlehen in den Wildhecken stehen in Blüte und die Frühlingslandschaft lockt zum Spaziergang. Das kleinräumige Mosaik aus landwirtschaftlichen Nutzflächen und Feldgehölzen erfreut dabei nicht nur unser Auge, sondern hatte über viele Jahrhunderte zunächst einmal praktischen Nutzen. Die Hecken markierten den Besitz und zäunten auf den Weiden das Vieh ein. Die dichten Gehölzstreifen schützen bis heute die Äcker vor Wind und so vor Bodenerosion. 
 

Alte Bäume in den Feldhecken finden beim Grauspecht Gefallen. Unter der Borke findet er Insekten und kann im Stammholz eine Bruthöhle bauen.

Wachsen Himbeeren in einer Wildhecke, profitiert auch der Mensch von ihren köstlichen Früchten.

In vergangenen Zeiten wurden die Feldgehölze und die Krautsäume außerdem intensiv genutzt. Äste und Zweige waren wertvolles Brennholz. Das Holz des Feld-Ahorns war auch für Drechselarbeiten zu gebrauchen, während sein Laub sich als Viehfutter eignete. Bereits im zeitigen Frühjahr sammelten die Bäuerinnen entlang der Hecken die ersten frischen Kräuter. Viele von ihnen wie Brennnessel und Löwenzahn gelten bis heute als bewährte Heilkräuter oder waren nach den Wintermonaten als vitaminreiche Zutat in Suppen und Salaten gefragt. Die im Spätsommer und Herbst reifenden Früchte der Wildgehölze waren seit jeher eine Bereicherung für die Küche. Sie werden wieder zunehmend geschätzt wie die glänzend schwarzen Holunderbeeren, roten Hagebutten oder die dunkelblauen Schlehen.

Die Waldrebe (Clematis vitalba) „verwebt“ mit ihren langen Ranken die verschiedenen Gehölze untereinander.

Wildhecken: Lebensraum für Pflanzen und Tiere

Die über Jahrhunderte gehegten Hecken haben aber noch einen positiven Effekt: Sie bieten zahlreichen Pflanzen und Tieren einen Lebensraum und werden daher von Ökologen als „Lebensadern der Landschaft“ bezeichnet, die andere Biotope miteinander verbinden – vorausgesetzt die Pflanzungen bestehen nicht nur aus einer schmalen Reihe Sträucher. Eine ideale Wildhecke setzt sich aus verschiedenen einheimischen Straucharten zusammen, die mindestens in zwei Reihen gepflanzt wurden und in die einzelne Bäume eingestreut sind.

Das Artenspektrum kann nach Region variieren, weitverbreitet sind jedoch Schlehe (Prunus spinosa), Weißdorn (Crataegus monogyna), Haselnuss (Corylus avellana), Hunds-Rose (Rosa canina) und Brombeere (Rubus fruticosus). Als Bäume sind oftmals Vogel-Kirsche (Prunus avium), Stiel-Eichen (Quercus robur) und Schwarz-Erle (Alnus glutinosa) in alten Heckenbeständen zu finden. Optimal ist es, wenn sich beiderseits des Gehölzstreifens ein Saum aus Wildkräutern und Gräsern anschließt. Wiesenkerbel (Anthriscus sylvestris), Taubnessel (Lamium album), verschiedene Ampfer-Arten (Rumex) und Knäuelgras (Dactylis glomerata) sind typische Vertreter. Kommen noch Totholz- und Lesesteinhaufen hinzu, finden Wildtiere ein bis zu zehn Meter breites Band zwischen den Acker- und Grünlandflächen mit vielfältigen Kleinstrukturen vor.

Ein possierlicher Bewohner von Hecken ist die Zwerg-Spitzmaus.

Die Bewohner der Wildhecken

Viele Heckenbewohner sind Spezialisten, das heißt, sie suchen nur in ganz bestimmten Bereichen der Hecke Schutz oder ziehen dort ihre Jungen auf. So wird jedes „Stockwerk“ der Hecke von anderen Vogelarten genutzt: Der Fasan brütet in der Krautschicht, der Zaunkönig baut innerhalb der Hecken bodennah sein Nest, während sich die Mönchsgrasmücken gerne im Dickicht halbhoher Brombeerranken eine Nistgelegenheit suchen. Für den Buchfink muss der Brutplatz mindestens zwei Meter über der Erde liegen. Die Bäume bieten größeren Vögeln wie Fasan und Waldohreule Schlafplätze, Greifvögel wie der Mäusebussard nutzen die Wipfel als Spähplatz bei ihrer Jagd nach Feldmäusen. Vielen Säugetieren dienen Feldhecken als Zufluchtsort, wenn sie Gefahr wittern. Der Feldhase duckt sich dann in die hohe Krautschicht und das Reh stellt sich in den Schatten der Gehölze.

Ihren Schlafplatz für den Tag findet die Waldohreule dicht am Stamm eines Baums.

Ein Großteil der Heckenbewohner entgeht jedoch dem flüchtigen Beobachter: Spinnen, Käfer, Heuschrecken und viele weitere Insektenarten. Die Raupen zahlreicher tag- und nachtaktiver Falterarten ernähren sich von den Blättern der Gehölze, die Schmetterlinge finden Nektar in den Blüten. So bietet allein die Schlehe über 100 Arten Nahrung. Manche wie der Zitronenfalter überwintern auch im Geäst der Hecke. An einem milden Frühlingstag kann man dann die gelben Gaukler beobachten, wie sie sich, aus der winterlichen Starre erwacht, hungrig auf die Suche nach den ersten Blüten machen.

Eine Brombeerhecke bietet kleinen Säugetieren und Singvögeln Unterschlupf, da die Stacheln der Ranken sie und ihren Nachwuchs vor Fressfeinden schützen. Im Spätsommer bereiten sie dann mit ihren schwarzen, saftigen Früchten allen „Naschkatzen“ Freude.

Die Benjes-Hecke

Die Idee des Gärtners Hermann Benjes ist denkbar einfach: Die bei einem Gehölzschnitt anfallenden Äste und Zweige werden locker als Streifen aufgeschichtet, wo einmal eine Hecke wachsen soll (Foto). Den Rest soll die Natur dann nach Möglichkeit alleine erledigen: Samen, die durch Wind oder Vögel in das Totholz eingetragen werden, können in dessen Schutz keimen und sich entwickeln. Jedoch vergehen etliche Jahre, bis so eine geschlossene Hecke entsteht. Außerdem müssen unerwünschte Pflanzen, wenn sich zum Beispiel zu viele Bäume angesiedelt haben, rechtzeitig entfernt werden.

Naturhecke im Garten

Eine dichte Hecke ist ein idealer Windschutz und lockt viele Tiere an – auch im Garten. Ein radikaler Schnitt etwa alle zehn Jahre, bei dem alle Äste 5–20 cm über dem Boden abgeschnitten werden, ist bei den meisten heimischen Sträuchern sinnvoller, als sie jedes Jahr nur leicht einzukürzen. Werden die Gehölze „auf den Stock gesetzt“ – wie der Fachausdruck für diesen Verjüngungsschnitt heißt –, treiben sie rasch wieder neu aus.