Klang des Gesprochenen

Es ist ein allseits vertrauter Ablauf: Überall dort, wo viele Kinder aufeinandertreffen, kombinieren sie ihr Spiel häufig mit kleinen Sprechfolgen. Vielleicht sind es Scherze wie „Lirum, larum, Löffelstiel, wer nichts lernt, der kann nicht viel ...“ oder Abzählreime, die einem Kind eine besondere Rolle zuteil werden lassen. Vielleicht ist es auch ein Klatschspiel mit passendem Vers oder ein kurzer Reim, der ein Lauf-, Versteck- oder Fangspiel einleitet. Manchmal singend, manchmal mit den Händen schnipsend und klatschend oder mit den Füßen im Takt klopfend, erfreuen sich Mädchen und Jungen am Klang des Gesprochenen. Auf dem Schulhof, im heimischen Garten oder auf dem Kletterplatz sind Worte, Silben, Laute und Wortschöpfungen stets dabei. Einige dieser Verse sind jahrhundertealt, andere erst in letzter Zeit entstanden. Einige lernt der Nachwuchs von den Eltern und Großeltern, andere dichten die Kleinen um oder erweitern sie, wieder andere werden komplett neu erfunden.

Wer beginnt? Zahlreiche Spiele eröffnen mit einem Abzählreim, wie etwa: „Ich und du, Müllers Kuh, Müllers Esel, das bist du!“

Traditionelle Reime

Durch Nachahmung von Tierstimmen oder bestimmten Berufen sind sie ein lebendiges Zeugnis heutiger wie früherer Lebensumstände und Bräuche. Selbst aus vorchristlicher Zeit sind noch manche Zeilen erhalten. Der bekannte Tröstreim „Heile, heile Segen! Sieben Tage Regen, sieben Tage Schnee, es tut mir nicht mehr weh!“ gilt etwa als uralter Wettersegen. Andere frühe Reime schildern den ländlichen Alltag, der seit jeher das Leben der Menschen bestimmt: „Morgens in der Frühe, treibt der Hirt die Kühe, treibt sie übern Steg, auf den langen Weg ...“ oder „Es wollt ein Schmied ein Rad beschlagen, wie viele Nägel musst er haben? Rate du, rate du ...“. Anfangs wurden Kinderreime fast nur mündlich überliefert. Erst in den Werken der Romantik tauchen sie verstärkt in gedruckter Form auf. Während J. W. von Goethe die Reime noch eher beiläufig in seine Erzählungen einband, spielten sie 1805 in „Des Knaben Wunderhorn“, einer Sammlung von Liedern und alten Volksweisen von Clemens Brentano und Achim von Arnim, bereits eine wichtige Rolle.

„Was wollen wir machen? Auf dem Kopf stehen und lachen. Was wollen wir spielen? Auf dem Kopf stehen und schielen. Was wollen wir tun? Auf dem Kopf stehen und ruhn ...“

Aus dem Volksmund

„Die Katze tritt die Treppe krumm“ ist einer der vielen Zungenbrecher, mit denen man sich scherzhaft auf die Probe stellt. Wer den Satz fehlerfrei ausspricht, muss ihn in immer schnellerem Tempo aufsagen.

Dichtkunst und Alltagspoesie

In den Geschichten der Brüder Grimm, die ab 1812 ihre „Kinder- und Hausmärchen“ herausbrachten, vermischen sich auf besondere Weise Dichtkunst und Alltagspoesie: Des Fischers plattdeutsche Beschwörung „Buttje, Buttje in der See ...“ ist zugleich ein Beispiel für Reime, die regionale Dialekte widerspiegeln. In den bürgerlichen Familien des frühen 19. Jahrhunderts wurden diese romantischen Verse schnell fester Bestandteil der Haus-Literatur. Später erfreuten sich pädagogische Sprüche, wie sie etwa der Lehrer Johann Lewalter 1911 in seiner Sammlung „Deutsches Kinderlied und Kinderspiel“ herausbrachte, großer Beliebtheit: „Messer, Gabel, Schere, Licht, sind für kleine Kinder nicht.“ Ob die einzelnen Reime dem Volksmund oder der schriftstellerischen Fantasie entsprangen, ist heute oft schwer nachzuvollziehen.

Von Besen, Hexen oder Rüben handeln Verse für die Größeren, die teils lange Geschichten schildern: „Morgens früh um sechs kommt die kleine Hex, morgens früh um sieben ...“

Klatschen, schnipsen, gestikulieren: Viele Reime werden vom Spiel der Hände, Füße und der Stimme begleitet. Im Takt heißt es dann:

Bei Müllers hat’s gebrannt, brannt, brannt, da bin ich schnell gerannt, rannt, rannt ...

Rätselraten: Wie beschreibt man eine Brennnessel? In kurzen Rate-Reimen natürlich, wie beispielsweise: „Hinten im Garten brennt etwas, ist kein Feuer, ist kein Gas ...“

Wortspiele

Erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts nennen Veröffentlichungen zum Thema vermehrt die jeweiligen, teils zeitgenössischen Autoren. Verse von Bertolt Brecht, Ernst Jandl oder Robert Gernhardt verliehen den Kinderreimen frischen Wind. Heute lassen sich die vielen Ausdrucksformen kaum unter einen Oberbegriff fassen. Es gibt Schüttel-, Rätsel- und Spielreime, Endlosgedichte, Gutenachtverse, Gebets- und Tischreime. Und es gibt Reime, die erst durch ihre Umgebung wirken. Sei es eine Höhle, ein leerer Raum oder ein Tunnel, in denen das Echo hallt: „Wer war schon mal in Halle? – Alle!“ Bei sämtlichen Wortspielen überwiegt die Freude am Wortwitz und an der Musikalität der Sprache. Wie es durch sie singt und summt, flüstert und faucht, knistert, klappert und lacht – das begeistert Kinder und Erwachsene seit eh und je.

Jedes Spiel hat seine Regeln: Beim Verstecken lässt der Fänger den anderen einen Vorsprung. Während er ankündigt „Eckstein, Eckstein, alles muss versteckt sein ...“, suchen sich die Mitspieler schnell ein Schlupfloch.