Jede Pflanze hat anderen Farbstoff

Nicht nur in den Blüten, auch in Blättern, Stängeln, Rinden, Früchten und Wurzeln befinden sich in Wasser oder Fett lösliche Farben. Da sie sich ausgezeichnet mit natürlichen Papier- oder Stoff-Fasern verbinden, eröffnen sie großen und kleinen experimentierfreudigen Malern faszinierende Möglichkeiten.

Die größte und bedeutendste Gruppe der pflanzlichen Farbstoffe sind die Flavonoide. Ihr Spektrum reicht von Gelb über Orange und Rot bis Violett. Farbnuancen von Rot bis Blau steuert die Untergruppe der Anthocyane bei. Carotinoide wiederum sind für Gelb bis Orange zuständig, allerdings sind sie nur fettlöslich und das grüne Chlorophyll, der wichtigste Farbstoff für die  Fotosynthese, ist zwar in jeder Pflanze vorhanden, lässt sich aber ebenfalls nur schwer im Wasser lösen. Am einfachsten gewinnt man Farbe aus reifen Beeren, z.B. Brombeeren, Schwarzen Johannisbeeren, Mahonien oder Holunder. Sie  werden mit etwas Wasser aufgekocht und anschließend durch ein feines Sieb oder Baumwolltuch passiert – fertig ist die dunkelblaue bis violette Malfarbe. Während bei Frucht-Farben das Ergebnis relativ identisch mit dem Original ist, verändern sich Blüten-Farben, je nachdem wie lange sie gekocht bzw. welche Zutaten verwendet werden. Aber genau darin liegt der Reiz. Es lohnt sich also zu experimentieren – und nun viel Spaß mit den Malfarben der Natur.

Für die Herstellung

Für die Herstellung von Malfarben benötigt man außer frischen Pflanzen einen Topf, Wasser, Kochlöffel und Freude am Experimentieren. In der Regel nimmt man für 1 Tasse Blüten oder Blätter ½ Tasse Wasser. Zuerst die Blüten, dann das kalte Wasser in einen Topf geben und erhitzen. Den Farbsaft einige Minuten leicht simmern lassen, dabei ständig umrühren. Gibt man Alaun, ein farbloses körniges Pulver (Apotheke), hinzu, wird die Farbe kräftiger und ist länger haltbar. Pflanzenfarben eigenen sich gut für die Aquarellmalerei.

Rot: Klatschmohn

Das leuchtende Rot des Klatschmohns ist schon von Weitem sichtbar. Früher sah man die Wildpflanzen häufig zusammen mit blauen Kornblumen in Getreideäckern, heute eher an Feldrainen und auf Brachflächen. Zerdrückt man die zarten Blütenblätter zwischen den Fingern, kommt aber kein kräftiges Rot zum Vorschein, sondern Purpurviolett. Ähnlich ist das Ergebnis, wenn man die Blüten mit etwas Wasser kocht. Im Laufe des Kochvorgangs – in der Regel 5–10 Minuten – verändert sich die Farbe und wird intensiver. Gibt man ein paar Tropfen Essig hinzu, wird der Farbton rötlicher.

Gelb: Die Weinraute

Mit einem strahlenden Gelb überrascht die Weinraute (Ruta graveolens). Die Gewürz- und Zierpflanze ist mehrjährig und wächst im Garten zu einem kleinen Halbstrauch heran. Die senf-gelben Blüten erscheinen von Juni bis Oktober. Sie sollten jedoch nicht an sonnigen Tagen gepflückt werden, da  Weinrauten phototoxisch sind, das heißt, wenn man die Pflanzen bei gleichzeitiger Sonneneinstrahlung berührt, kann es zu Hautreizungen kommen. Für die Farbgewinnung werden die Blüten und Samenkapseln einige Minuten mit etwas Wasser gekocht und der Saft gefiltert.

Violett: Mauretanische Malve

Die Mauretanische Malve (Malva sylvestris ssp. mauritiana) besitzt reichlich Farbstoffe, die sich leicht in Wasser lösen lassen: Eine Handvoll Blüten mit 4 EL Wasser kurz aufkochen und den Saft durch ein feines Sieb gießen. Intensiver und haltbarer wird die Farbe, wenn man ein wenig Alaun hinzufügt.

Gelb- und Orangetöne: Ringelblume

Ringelblumen (Calendula officinalis) gibt es in vielen Gelb- und Orangetönen. Zum Extrahieren werden nur die Blütenblätter ohne die grünen Kelche verwendet und in einem Topf mit wenig Wasser 8–10 Minuten bei geringer Hitze gekocht. Je mehr Wasser einkocht, desto kräftiger wird die Farbe.

Grün: Blattfarben

Grün ist in der Natur allgegenwärtig. Keine Pflanze, die sich mittels Photosynthese mit lebenswichtiger Energie versorgt, kommt ohne den grünen Farbstoff Chlorophyll aus. Zwar gibt es auch rotblättrige Pflanzen, aber auch diese sind im Grunde grün. Das Grün wird nur durch Anthocyane überdeckt, das sind rote Farbpigmente, die Pflanzen zum Schutz gegen zu starkes UV-Licht in ihren Blättern und Stängeln einlagern. Chlorophyll ist in Wasser nur schwer löslich, dennoch lohnt sich ein Versuch mit verschiedenen Grünpflanzen, zum Beispiel mit Spitzwegerich. Auch die Mischung von Blau und Gelb ergibt verschiedene Grüntöne.

Rot, Violett, Blau: Farben aus Früchten

Alle dunklen Beeren, zum Beispiel Heidelbeeren, Brombeeren, Holunderbeeren, Schwarze Johannisbeeren, ebenso die Früchte von Liguster, Mahonie, Schlehe oder Wildpflaume sind  ausgezeichnete Lieferanten roter, violetter und blauer Farbtöne. Sie werden leicht zerdrückt, mit etwas Wasser kurz aufgekocht und gefiltert. Die Zugabe von Soßenbinder (z.B. Mondamin) macht die Farben dickflüssiger und satter. Überraschende Farbveränderungen ergeben sich auch bei der Verwendung verschiedener Papiersorten, wie das Beispiel der Wildpflaumen-Farbe zeigt: Links neutrales Aquarellpapier, rechts dieselbe Farbe auf strukturiertem Seidenpapier. Werden Pflanzenfarben nicht sofort verbraucht, füllt man sie in kleine Gläser und bewahrt sie kühl und dunkel auf.