Föhr: Schiffe und Meer

Behutsam manövriert Johann Eck Hellmann die „MS Schleswig- Holstein“ zwischen den Sandbänken, die dem Schiff bedrohlich nahe kommen, hindurch. „Gerade haben wir ein bisschen Stress mit dem Ostwind, der drückt das ganze Wasser aus dem Watt“, sagt der Kapitän. Auf der Brücke der Fähre ist es still, leise klickt der kleine Steuerknüppel, mit dem er die Fähre konzentriert auf Kurs hält. Bei drei Knoten Fahrt und nicht viel mehr als einem Meter Wasser unter dem Kiel. Das sind die Tücken der Seefahrt vor der nordfriesischen Küste: Nebel, Sturm, Sandbänke und eben wenig Wasser. Doch Kapitän Hellmann bringen sie nicht aus der Ruhe. Seit einem Vierteljahrhundert fährt er für die „W.D.R.“, die Wyker Dampfschiffs-Reederei, und verbindet auf diese Weise die Insel Föhr mit Dagebüll auf dem Festland.

Johann Eck Hellmann auf der Brücke seines Schiffes. Konzentriert steuert er es gerade zwischen Sandbänken hindurch, die dem Rumpf bei Ebbe gefährlich nahe kommen. Der 54-Jährige fährt seit bald 40 Jahren zur See.

Vor 7 000 Jahren waren Fähren noch nicht notwendig. Denn damals, in der mittleren Steinzeit, war die Insel noch Teil des Festlandes, der Meeresspiegel der Nordsee lag seinerzeit rund 20 Meter tiefer. Die Menschen waren nicht sesshaft und zogen auf der Suche nach Fisch- und Jagdgründen durch die Region. In den folgenden Millennien stieg das Wasser an, Föhr, Sylt und Amrum wurden zu Inseln, behielten aber ihren festländischen „Landkern“ – die Geest. Menschen ließen sich dort nieder, in den Jahren nach Christi Geburt handelten sie unter anderem mit dem römischen Reich, was durch Münzfunde nachgewiesen wurde. Bernstein beispielsweise war seinerzeit ein begehrter Exportartikel. Im Zuge der Völkerwanderungen verließen die Menschen die Inseln, zu Beginn des 8. Jahrhunderts nahmen die Friesen ihren Platz ein – bis heute. Ihre Sprache, das „Fering“, wird nach wie vor an den Schulen der Region unterrichtet, Friesisch als Fremdsprache kann als Abiturfach belegt werden. Auch auf Föhr flattert die Flagge Nordfrieslands allenthalben an den Masten: „Leewer duad üüs slaaw“ steht darauf, lieber tot als Sklave. Freiheitsliebend sind die Friesen, durchaus selbstbewusst und unabhängig.

Auch Liv und Jan Matzen beschlossen vor gut zehn Jahren selbstbewusst: Wir züchten Ziegen. Föhr ist seit jeher eine tierreiche Insel, rund 10 000 Rinder bevölkern sie, dazu noch ungefähr dreimal so viele Schafe. „Nur Ziegen gab es hier nicht“, erinnert sich Liv Matzen, „das war eine Marktlücke.“ Sie und ihr Mann haben die schönen Tiere auf die Insel gebracht, schneeweiß strahlt das Fell ihrer Deutschen Edelziegen, die für ihre Milchleistung bekannt sind. Im Durchschnitt beherbergt der Hof 50 Tiere, die ihren Besitzern täglich rund 200 Liter Milch bescheren. Daraus stellen sie Schnitt-, Frisch- und Hirtenkäse her, den sie ausschließlich auf der Insel vermarkten: über die Gastronomie, auf Märkten und in den Lebensmittel-Läden.

Liv Matzen betreibt zusammen mit ihrem Mann Jan seit zehn Jahren einen Ziegenhof im Norden Föhrs. Ihr Käse ist eine weitere Delikatesse auf der Insel.

Einfallsreichtum der Föhrer

Einfallsreichtum ist auch so ein Charakterzug der Föhrer, der in ihrer Geschichte bereits mehrfach wichtig war. Als zum Beispiel Mitte des 17. Jahrhunderts angesichts einer wachsenden Bevölkerung die landwirtschaftlich wenig fruchtbare Insel nicht mehr ausreichte, um die Bewohner zu ernähren, suchten die Männer ihr Glück auf See. Der Walfang im Nordmeer erlebte in diesen Jahren das, was man heute einen Boom nennt, und die Föhrer heuerten auf Hamburger, Bremer, niederländischen, englischen und dänischen Schiffen an. Sie erwiesen sich als geschickte Seeleute, besonders aber als fleißig – und einfallsreich:

Denn für den Winter, wenn die Seeleute nach ihren Walfahrten wieder auf der Insel waren, richteten die Föhrer eigene Navigationsschulen ein, in denen altgediente Kapitäne den Nachwuchs in Nautik unterrichteten. Auf diese Weise qualifizierten sich die Seeleute von der Insel weit mehr als ihre nationale und internationale Konkurrenz, nicht wenige Föhrer waren fortan als Kapitäne, Steuerleute und Offiziere überall in Europa begehrt. Weil die Offiziere einer Schiffbesatzung am Gewinn, den eine solche Walfahrt einbrachte, direkt beteiligt wurden, kamen zahlreiche Seeleute zu einem kleinen Vermögen, das sie unter anderem in stattliche Häuser investierten.

Zwei Kegelrobben auf einer Sandbank im Wattenmeer. Die auf dem Land eher tollpatschig wirkenden Tiere sind im Wasser ausgezeichnete Schwimmer. In Wyk befindet sich ein Robbenzentrum samt Ausstellung und Pflegestation für verletzte und verwaiste Tiere.

Typische Häuser auf Föhr

Entsprechend heißen diese auch Kapitänshäuser, architektonisch orientierten sie sich am sogenannten Uthlandfriesischen Haus. Uthlande lautet der alte Name für diese nordfriesische Insel- und Küstenregion – Außenlande. Diese Bezeichnung tauchte erstmals im späten Mittelalter in Schriftstücken der dänischen Könige auf, den damaligen Herren über Föhr. Oder zumindest über die Hälfte der Insel, die zwischenzeitlich in Osterland- und Westerlandföhr geteilt wurde, der Ort Nieblum bildete die Grenze.

Der westliche Abschnitt gehörte bis ins 19. Jahrhundert zu Dänemark, der östliche zum Herzogtum Schleswig. Das hinderte die dänischen Könige aber nicht daran, ab dem Jahr 1842 regelmäßig Urlaub auf der gesamten Insel zu machen, was den Fremdenverkehr stark ankurbelte. 1866 wurde schließlich die gesamte Insel preußisch. Eine hübsche Reminiszenz: Die zwei – freilich erst sehr viel später eingerichteten – Telefonvorwahlen auf der Insel erinnern noch an die einstige Teilung: 04681 für den Osten, 04683 für den Westen.

Zurück zum Uthlandfriesischen Haus: Dabei handelt es sich um ein reetgedecktes Langhaus. Die Ställe für das Vieh und der Wohnbereich befanden sich unter einem Dach. Um das Gebäude vor den immer wieder über die Insel flutenden Wassermassen zu schützen, ruhte das Dach nicht auf den Außenmauern, sondern auf Holzständern im Gebäudeinneren. Die Außenwände hatten keinerlei tragende Funktion, so konnten die Fluten sie wegreißen, ohne dass das gesamte Haus zerstört wurde. Die Bewohner brachten sich derweil im Dachgeschoss in Sicherheit. Und auch, wenn sich die Bauweise im Detail im Laufe der Jahrhunderte wandelte, in der Form blieb sich die Architektur bis heute treu.

Von einigen Seebad-Villen, die im Zuge der königlichen Besuche im 19. Jahrhundert errichtet wurden, mal abgesehen. Das älteste noch erhaltene Haus der Insel ist rund 400 Jahre alt und mittlerweile Teil des Friesen-Museums in Wyk. Vor seinem Umzug dorthin stand es in Alkersum. Das Leben auf der Insel prägen nach wie vor der Wind, das Meer und das Land, das die Menschen ihm über die Jahrhunderte zusätzlich abgerungen haben. „Marsch“ nennen sie jene mittlerweile eingedeichten Flächen, sie sind weitaus fruchtbarer als die Geest. Auf den Marschen weiden die Kühe, Schafherden auf den Deichen ringsum. Direkt hinterm Deich verläuft ein asphaltierter Radweg, immer wieder hoppeln Feldhasen darüber. Zwischen den Schafen muss man bisweilen Slalom fahren, stoisch trotzen sie dem stürmischen Ostwind. Es ist dieselbe steife Brise, die Kapitän Hellmann andernorts das Wasser unter dem Kiel wegpustet. Schließlich gelangt er aber mit ruhiger Hand in den sicheren Hafen.

Hinter dem „Friesenwall“, so heißt die steinerne Einfriedung der Grundstücke, wird vielerorts die traditionelle Architektur der Region erhalten.

Wattwanderung

Auf einer Wattwanderung lässt sich das sensible Ökosystem des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer entdecken, das auch die Insel Föhr umgibt. So gelangt man bei Ebbe zu Fuß sogar bis nach Amrum.

Markt in Oevenum

Buntes Treiben in Oevenum. Das Marktleben hat in vielen Dörfern auf Föhr eine lange Tradition und wird bis in die Gegenwart gepflegt. Es lohnt sich, vor Ort einen Blick in den Kalender zu werfen und sich zu erkundigen, wo gerade Markttag ist.

Mit dem Rad auf Föhr unterwegs

Radwege umrunden und durchkreuzen Föhr überall. Unter anderem in Wyk, Oevenum, Utersum und Nieblum befinden sich auch Fahrrad-Verleihe. Und wer die richtige Richtung einschlägt, wird von einem kräftigen Rückenwind angeschoben.

Regionale Spezialität

Eine Krabbensuppe, verfeinert mit einem Schuss Weißwein, Zuckerschoten und Kartoffeln. Die kleine Garnele dient den Einheimischen schon seit Jahrhunderten als Grundnahrungsmittel.

Unser Tipp

Adressen und Infos

  • Föhr-Tourismus: Am Fähranleger 1, 25938 Wyk auf Föhr, Tel. 0 46 81/300, www.foehr.de
  • Friesen-Museum: Rebbelstieg 34, 25938 Wyk auf Föhr, Tel. 0 46 81/25 71, www.friesen-museum.de
  • Robbenstation: Achtern Diek 5, 25938 Wyk auf Föhr, Tel. 0 46 81/57 03 54, www.robbenzentrum-foehr.de
  • Wyker Dampfschiffs-Reederei: Informationen zu Fahrzeiten, Schiffen, Fahrpreisen und Buchungen unter Tel. 0 46 67/9 40 30 und unter www.faehre.de
  • Ziegenhof Matzen: Aussiedlungshof 7 (Oevenumer Marsch), 25938 Oevenum, Tel. 0 46 81/50 11 90, www.foehrer-ziegenkaese.de. Der Hofladen hat Mo., Mi. und Fr. jeweils von 14 bis 16 Uhr geöffnet.